Die neuesten Forschungsergebnisse zu Hans Henny Jahnns »Fluss ohne Ufer«

November – ein Monat, der in Hans Henny Jahnns Leben und in der Geschichte seines Werkes von gewisser Bedeutung ist. Er selbst ist im November 1959 zwei Wochen vor seinem 65. Geburtstag gestorben. Ebenfalls im November stirbt Gustav Anias Horn, der Protagonist und Ich-Erzähler der Romantrilogie »Fluss ohne Ufer«.

November in der »Niederschrift des Gustav Anias Horn«

»November« heißt das erste Kapitel des zweiten Teils von Fluss ohne Ufer, der »Niederschrift des Gustav Anias Horn, nachdem er neunundvierzig Jahre alt geworden war«. Bei diesem Roman handelt sich um einen fiktiven autobiographischen Bericht, dessen Autor der Schriftsteller Jahnn so gut erfunden hat, dass er bis heute mit ihm verwechselt wird. »November, abermals« heißt das letzte Kapitel dieses Romans.

Bereits seit neun Monaten schreibt Gustav Anias Horn die Ereignisse seines Lebens nieder, als er Besuch erhält von einem Doppelgänger seines ehemaligen Gefährten Alfred Tutein, der vor Jahren auf mysteriöse Weise um's Leben kam. Horn schildert, wie dieser Doppelgänger namens Ajax von Uchri sich gleichsam durch die Hintertür in sein Leben schleicht, wie von Uchri ihm dieses allmählich zur Hölle macht und ihn drei Monate später, ein Jahr nach Beginn der Niederschrift schließlich sogar umbringt. Kurz vor seiner Ermordung schreibt Horn offenbar verzweifelt die letzten Worte nieder: »– – Ich muß erwachen. Ich muß erwachen – – Es ist das Wirkliche – die wirkliche Begegnung – die unausweichliche–«

Aber schreibt er auch die Wahrheit?

November 2009

»Fluss ohne Ufer« ist ein Kriminalroman, der seine Spannung vor allem aus der Verbundenheit der Handlung mit der Perspektive eines unzuverlässigen Erzählers bezieht. Der Leser vermag zum Detektiv zu werden, indem er die sorgfältig zwischen den Zeilen verborgenen Geheimnisse des Ich-Erzählers aufdeckt und Einblick in die wahre Bedeutung der geschilderten Ereignisse sowie in die kunstvoll geschaffene Erzählstruktur von »Fluss ohne Ufer« gewinnt.

Im November 2009 habe ich unter dem Titel »Die Ordnung der Unterwelt«. Zum Verhältnis von Autor, Text und Leser am Beispiel von Hans Henny Jahnns »Fluss ohne Ufer« und den Interpretationen seiner Deuter eine 1000-seitige wissenschaftliche Arbeit über »Fluss ohne Ufer« vorgelegt, in der ich ausführlich auf dieses und andere Sujets der Trilogie eingehe. Gegenstände der Untersuchung sind das Werk selbst und eine Reihe von Interpretationen.

Erstmals fasse ich das Verhältnis der Interpreten zum Text ins Auge und zeige, wie verzerrend sich ihre Projektionen auf das öffentliche Bild des Autors auswirken. Sichtbar mache ich diese Projektionen auf dem Hintergrund einer überaus gründlichen Untersuchung des Primärtextes und der Intentionen des Autors und präsentiere dabei eine Fülle neuer Forschungsergebnisse. Unter anderem weise ich anhand eines zentralen Subtextes nach, dass Jahnn den Protagonisten Gustav Anias Horn als Sexualstraftäter nach dem Vorbild des berüchtigten Ritual- und Serienmörders Gilles de Rais konzipierte.

Die gesamte Arbeit ist in Buchform in zwei Bänden erschienen. In Gestalt zweier PDFs findet sie sich kostenlos in der aktuellsten Fassung hier auf meiner Website sowie in der Fassung von 2009 im Institutionellen Repositorium der Universität Konstanz.

Für einen raschen Überblick hier die Gliederung der Arbeit:

Das Inhaltsverzeichnis von »Die Ordnung der Unterwelt«
Inhaltsverzeichnis_Ordnung der Unterwelt
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Eine 20-seitige Zusammenfassung meiner Forschungsergebnisse findet sich hier:

Neue Forschungsergebnisse zu »Fluss ohne Ufer«
Forschungsergebnisse zu Fluss ohne Ufer.
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November 2014

Ich weise noch einmal auf die Existenz der neuen Forschungsergebnisse hin, denn seit einigen Tagen liegt erstmals in der Publikationsgeschichte eine für jedermann erschwingliche Ausgabe von »Fluss ohne Ufer« vor. Der Hoffmann und Campe Verlag hat neben einer Neuausgabe endlich eine E-Book-Version herausgebracht. Mit rund 30 € liegt diese preislich deutlich unter allen bisherigen Ausgaben und ist derzeit, soweit ich sehe, auch günstiger als antiquarisch erwerbbare Ausgaben. Das ist ein weiterer Schritt, um dieses zentrale Werk des immer noch recht unbekannten Hans Henny Jahnn endlich einem breiteren Publikum nahe zu bringen. Der nächste Schritt ist, interessierten Lesern deutlich zu machen, warum es sich lohnt, das Buch zu lesen.

Dies ist nämlich gerade denen, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, Jahnns Werk bekannter zu machen – darunter renommierte Persönlichkeiten wie der derzeitige Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg Ulrich Greiner und der Kafka-Biograph Reiner Stach – trotz oder gerade aufgrund der enormen Publizität ihrer Schriften bis heute nicht gelungen. Wirft man einen Blick in diese Schriften, stellt sich jedenfalls heraus, dass sie seit 20 Jahren immer wieder dieselben hinlänglich bekannten Aspekte von Jahnns Werk betonen und Klischees bedienen, die zum Teil schon zu Lebzeiten Jahnns das öffentliche Bild des Autors bestimmten und sich bis heute hartnäckig gehalten haben.

November 1994

So schrieb etwa Ulrich Greiner im November 1994 im Vorfeld des in Hamburg stattfindenden Kongresses anlässlich Jahnns 100. Geburtstag in der Zeit: »Am 17. Dezember wäre der Schriftsteller und Orgelbauer Hans Henny Jahnn 100 Jahre alt geworden. Seine Heimatstadt Hamburg richtet ihm eine Zentenarfeier aus, mit Ausstellung und Kongreß, mit Konzerten und Theateraufführungen. Die Wende in der Wahrnehmung Jahnns scheint möglich. Aber die Zumutung, die sein Werk bedeutet, ist noch immer nicht begriffen«.

Mit seinem Artikel Die sieben Todsünden des Hans Henny Jahnn prägte er den Tenor, in dem auch andere Kongress-Beiträge (u.a. die von Reiner Stach und Jan Philipp Reemtsma) geschrieben sind. In großer Übereinstimmung stellte man den Autor als Sonderling dar, dessen Werk in vielerlei Hinsicht »gegen den moralischen und literarischen Common sense« verstoße und das im Kern unverständlich bleibe. Greiner ist der Auffassung: »Der einzige Weg, die epochale Leistung dieses Werks zu begreifen, läuft wahrscheinlich darauf hinaus, seine Schwächen und Zumutungen bloßzulegen. Der Mangel der Jahnn-Rezeption liegt darin, daß der Kern seiner Verehrer den Blick von der Kehrseite abwehrt und eine defensive Hagiographie betreibt. Aber Jahnns Verstöße gegen die Regeln des Geschmacks und der Grammatik sind inhärent logisch. Jahnns Todsünden sind sein Königsweg.«

Nimmt es Wunder, dass potenzielle Jahnn-Leser nach der Lektüre derart warnender Worte eines anerkannten Literatursachverständigen lieber die Hände von einem Werk wie »Fluss ohne Ufer« lassen?

Abermals November 2009

Anlässlich Jahnns 50. Todestag publizierte Greiner im November 2009 in der »Zeit« erneut zum Thema Jahnn und leitete seinen Artikel unter dem Titel Macht der Natur mit folgenden Worten ein: »Größenwahnsinnig und doch ganz bescheiden: Jahnns kühn komponierte Romane umkreisen ein ewiges Dilemma – dass die Natur so schön wie schrecklich ist.« Der erste Satz des Artikels lautet: »Unter den deutschen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts gibt es keinen seltsameren als Hans Henny Jahnn.«

Auch in diesem Artikel bleibt Greiner der bewährten Technik latenter Diskriminierung treu, indem er Jahnns »Seltsamkeit« hervorhebt und sein literarisches Außenseitertum als Vorzug anpreist. Über die eingangs erwähnte »kühne Komposition« der Romane verliert Greiner kein Wort und lässt sich stattdessen wieder einmal ausführlich über den Hader des Autors mit Gott und der Schöpfung aus – ein Lieblingsthema in Forschung und Kritik seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Am Ende seines Artikels schreibt Greiner: »Dem frommen Heiden Jahnn ging es um nichts anderes, als ›der Schöpfung eine Ausnahme abzuverlangen‹, wie er einmal schrieb, nur darum, Gott zu zwingen, endlich menschlich zu sein und der Schöpfung ihren Schrecken zu nehmen. Das ist größenwahnsinnig und doch ganz bescheiden. Es ist unverständlich und doch leicht zu verstehen.«

Aha, das sind ja ganz neue Töne!

Jetzt ...

... empfehle ich Herrn Greiner und allen an Jahnn interessierten Lesern zur besseren Information einfach die Lektüre meiner Arbeit und ende ebenfalls mit einem zünftigen Jahnn-Zitat:

»Es gibt keinen Schutz gegen das Mißverständnis. Es gibt auch keinen Schutz gegen Verleumdung. Es gibt vor allem keinen Schutz dagegen, daß unser Bemühen, dennoch ein wenig lebenswertes Leben zu erringen, sichtbar wird. Unser Tun ist und bleibt sichtbar, und die Auslegung gehört den anderen«.

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