Über Projektionen in Literaturwissenschaft und Biographik anlässlich Jahnns »Briefen an Ellinor«

Neben einer Neuausgabe von »Fluss ohne Ufer« hat der Hoffmann und Campe Verlag im November unter dem Titel »Liebe ist Quatsch«. Briefe an Ellinor auch einen Briefband veröffentlicht, der eine Auswahl von Hans Henny Jahnns umfangreicher Familienkorrespondenz enthält. Es handelt sich sämtlich um Briefe, die Jahnn zu unterschiedlichen Zeiten an seine Frau Ellinor schrieb. Sie dokumentieren die Beziehung zwischen den Eheleuten und gewähren erstmals schlaglichtartig Einblick in die Anfänge der Beziehung Jahnns zu seinem Patensohn Yngve Jan Trede.

In den Briefen an seine Frau erweist Jahnn sich als ebenso gefühlvoller wie feinfühliger Familienmensch, der für die Anliegen und Bedenken seiner Angehörigen stets ein offenes Ohr hatte und sich zuverlässig um ihre Belange und Bedürfnisse kümmerte. Gewiss, Jahnns Beziehungsleben war unkonventionell. Seine Liebe galt nicht nur seiner Frau und ihrer gemeinsamen Tochter, sondern schloss stets innige und leidenschaftliche Beziehungen zu anderen geliebten Menschen ein. Diese Beziehungen empfand Jahnn seiner Ehe offenbar als weitgehend gleichgestellt, und zwar, wie sich anhand der Briefe erkennen lässt, die in Ausschnitten auch die Haltung seiner Frau dokumentieren, im gegenseitigen Einvernehmen mit ihr.

Schon Jahrzehnte vor der sexuellen Revolution lehnten Jahnn und seine Frau die mit dem bürgerlichen Liebesideal verbundenen, von christlicher Moral geprägten ehelichen Pflichten wie sexuelle Treue und persönlichen Exklusivitätsanspruch ab und betrachteten ihre Beziehung vor allem als Bund zwischen Freiwilligen, in dem jeder nach seinen Möglichkeiten zum Einkommen und Erhalt der Gemeinschaft beiträgt. De facto war es vor allem Jahnn, der mit seiner Arbeit als Schriftsteller und Orgelsachverständiger dafür sorgte, dass die Familie, zu der zeitweise – ähnlich einer Kommune – auch Geliebte, Freunde und Verwandte der Eheleute zählten, selbst schwere Zeiten wie den Weltkrieg und die Nachkriegszeit wirtschaftlich einigermaßen überstand.

In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts führten Jahnn und seine Frau ein Leben, das ihrer Zeit sichtlich voraus war. Vom heutigen Standpunkt fortgeschrittener Individualisierung aus können wir dieses Leben weit besser verstehen, als es ihren Zeitgenossen möglich war. Um so erstaunlicher ist es, dass sich überkommene Klischees hinsichtlich dieses avantgardistischen Künstlers bis heute hartnäckig halten. 

Dies hängt sicherlich damit zusammen, dass seine zum Teil umfangreichen und stets komplexen Werke an die Leser hohe Ansprüche stellen und daher nur wenige sich berufen fühlen, sich sachverständig darüber zu äußern. Dass die Werke heute noch so weitgehend von der literarischen Kanonisierung ausgeschlossen sind, liegt zu einem erheblichen Teil aber auch daran, dass seit mehr als 20 Jahren eine Reihe angeblicher Kenner dieser Werke, die sich ihr Spezialistentum laufend gegenseitig bestätigen und sich in ihren Publikationen aufeinander beziehen, den Diskurs über Jahnns Werk bestimmen und das öffentliche Bild dieses Autors entscheidend prägen. 

Natürlich »ist Liebe« auch für Hans Henny Jahnn kein »Quatsch«

Zu diesen Kennern zählt sich auch der Jahnn-Biograph Jan Bürger, der Jahnns »Briefe an Ellinor« gemeinsam mit Sandra Hiemer herausgegeben hat. Gemeinsam sind die beiden wohl auch für den unglücklich gewählten Titel des Briefbandes »Liebe ist Quatsch« verantwortlich.

Leseprobe »Briefe an Ellinor« - Klick!
Leseprobe »Briefe an Ellinor« - Klick!

Hierbei handelt es sich um ein gänzlich aus dem Kontext gerissenes Zitat, in dem Jahnn seiner Frau, bezugnehmend auf Äußerungen ihres gemeinsamen Freundes Ernst Eggers, die Eigenschaften erfolgreichen Schürzenjägertums auseinander setzt, das er mit sich selbst offenbar in keinerlei Verbindung bringen konnte (vgl. Briefe an Ellinor, S. 47 bzw. hier in der Leseprobe bei Google Books). Bei den Worten »Liebe ist Quatsch« handelt es sich also mitnichten um eine Äußerung Hans Henny Jahnns. Warum die Herausgeber sie dennoch zum Titel des Briefbandes machten, ist unklar. Zumal aus dessen Inhalt deutlich hervorgeht, dass Hans Henny und Ellinor Jahnn, auch wenn ihre Beziehung nicht konfliktfrei war, einander vierzig Jahre lang geliebt und menschlich die Treue gehalten haben.

Vielleicht wollten Bürger und Hiemer mit der Wahl des Titels »Liebe ist Quatsch« gerade auf diesen Gegensatz hinweisen. Dass ein solcher Titel bei Lesern, die den Inhalt des Buches nicht kennen und stattdessen die üblichen Vorurteile über Jahnn, ganz andere Assoziationen weckt und signalartig auf besagten Mangel an Konvention hinzuweisen scheint, haben die Herausgeber mit ihrer Entscheidung zumindest billigend in Kauf genommen.

Die peinliche Erscheinung Hans Henny Jahnn

Dass der Jahnn-Kenner Bürger selbst fleißig dazu beiträgt, den Ruf des Künstlers zu schädigen, zeigt sich auch anhand des Vorwortes Liebesbeweis, Tagebuch, Beichte: Hans Henny Jahnn und seine Briefe an Ellinor, das er zum Briefband geschrieben hat und in dem er Jahnn – wieder einmal – als vollkommen unangepassten, im persönlichen Umgang schwierigen Zeitgenossen darstellt, der nach außen hin ein bis zur Lächerlichkeit peinliches Bild abgegeben und zum Teil ohne Rücksicht auf Verluste von Freunden und Familienangehörigen seine beruflichen Projekte vorangetrieben habe (vgl. Liebesbeweis, Tagebuch, Beichte vor allem S. 8-10 sowie S. 16, wo Bürger allen Ernstes von »Jahnns Patriarchat« spricht). 

Um den Realismus seines Jahnn-Bildes zu belegen, stützt Bürger sich auf nur wenige, zum Teil nicht einmal schriftlich belegte Äußerungen von Zeitzeugen und beruft sich ansonsten vor allem auf das, was andere angebliche Jahnn-Kenner in ihren Publikationen über diesen festgestellt haben. Hierbei ist die Feststellung, Jahnn und seine Texte seien irgendwie peinlich, ein echter Dauerbrenner. Bürger zitiert aus Adolf Muschgs Rede vom weißen Wal: »›Jahnn berührt uns – und er berührt uns peinlich‹, hat Adolf Muschg 1994 in seiner Rede auf Jahnns 100. Geburtstag festgestellt.«

Die Art und Weise, wie Bürger auch dieses Zitat aus dem Kontext reißt, ist bezeichnend für die Mutwilligkeit, mit der er hier ein bestimmtes Bild von Jahnn zu kreieren versucht. Denn in Muschgs »Rede vom weißen Wal« heißt es vollständig: »Jahnn berührt uns – und er berührt uns peinlich, dabei wird es bleiben, wenn das ›Bleibende« dieses Autors schon keine Frage mehr ist.«

Den letzten Teil des Satzes, den man als Appell an die Interpreten auffassen kann, aber lässt Bürger in seinem Zitat weg und fährt in seinen Ausführungen über den scheinbar aller Welt sichtbar peinlichen Hans Henny Jahnn fort: »Grundsätzlich ging das Zeitgenossen offenbar nicht anders als nachgeborenen Lesern. Besonders peinlich kann Jahnn ohne Frage in seinen intimsten und schutzlosesten Botschaften wirken: in den Briefen an jene Frau, die ihm vier Jahrzehnte verbunden blieb, an die Mutter seines einzigen Kindes. Was aber macht diese Peinlichkeit aus?«

Wer nun konkrete Bezugnahmen auf Inhalte der Briefe Jahnns an seine Frau erwartet, wird enttäuscht. In den nächsten beiden Absätzen tischt Bürger lediglich ein paar weitere Vorurteile über Jahnn auf, die bereits mehrfach in verschiedenen Publikationen anderer angeblicher Jahnn-Kenner genannt wurden und im Wesentlichen auf drei Punkte hinauslaufen: Jahnn sei ein hoffnungsloser Träumer gewesen, der seine Werke (und nach Bürgers Meinung offenbar auch die Briefe an seine Frau) vorwiegend aus dem persönlichen wie dem kollektiven Unbewussten heraus geschaffen und dabei keinerlei Sinn für jegliche Form gesellschaftlicher Übereinkunft an den Tag gelegt habe (vgl. Liebesbeweis, Tagebuch, Beichte, S. 9-10).

Bürgers Ausführungen suggerieren, dass man als Leser von Jahnns Schriften zu keiner anderen Auffassung über das Leben und Werk dieses Künstlers gelangen kann. Implizit nimmt er eine fiktive Mehrheitsmeinung in Anspruch, die lediglich dadurch autorisiert ist, dass das in den Mainstream-Medien kolportierte Bild von Jahnn bis heute unwidersprochen fortexistiert.

Der Kafka-Biograph Reiner Stach als Stichwortgeber für die Jahnn-Exegese

Besondere Verantwortung für die Eigenschaften dieses nach wie vor klischeebehafteten Jahnn-Bildes trägt neben dem ehemaligen Feuilletonchef der »Zeit« Ulrich Greiner der Publizist und Kafka-Biograph Reiner Stach. Dieser beteiligte sich 1989 an dem Lese- und Schreibwettbewerb, den Botho Strauß in der »Zeit« ausschrieb, um neue Leser an Jahnns Werk heranzuführen, und war einer der 43 Gewinner unter den rund 300 Einsendern.

Die Attribute »peinlich« und »lächerlich«, deren sich auch Jan Bürger im Vorwort zu den »Briefen an Ellinor« in Bezug auf Jahnn bedient, tauchen bereits in diesem ersten Artikel Reiner Stachs zu »Fluss ohne Ufer« auf, dem 1991 in der »Zeit« publizierten Essay Die fressende Schöpfung. Darin behauptet Stach:

»Jeder Satz in ›Fluß ohne Ufer‹ meint, was er sagt. Es gibt keine Ironie, nicht einmal die Atempause der humoristischen Episode, und das seltene Lachen ist immer schmerzlich oder böse. Dieser steinerne Ernst setzt den Autor nicht nur der vollen Wucht der Verantwortung aus, er läßt ihn auch gleichsam nackt hervortreten, allen Gefahren der Lächerlichkeit und des falschen Pathos preisgegeben. Wer nackt ist, dem wird keine ungeschickte Bewegung verziehen, und der Humorlose ist immer nur einen Schritt davon entfernt, zu einer peinvollen Erscheinung zu werden.«

Wie ich in meiner Arbeit über »Fluss ohne Ufer« und die Interpretationen dieses Werkes anhand ausführlicher Textanalysen nachweise, zeugen Stachs Ausführungen nicht nur von äußerst oberflächlicher Textkenntnis, sondern auch von einer extrem subjektiven, naiv den persönlichen Gesichtspunkten hingegebenen Arbeitsweise als Interpret. Der »steinerne Ernst«, den der Leser Stach dem Autor Jahnn attestiert, sowie dessen angebliche Ironie- und Humorlosigkeit sind in erster Linie Stachs völlig mangelndem Sinn für die komplexe, ironische Distanzierungen durchaus einschließende Erzählstruktur und die Metaphorizität der Jahnn'schen Bildsprache geschuldet.

Wie Jan Bürger in seinem Vorwort aber unterstellt auch Reiner Stach in »Die fressende Schöpfung«, dass man als Leser von »Fluss ohne Ufer« zu keinem wesentlich anderen Ergebnis über das Werk kommen kann, und ist sich keineswegs bewusst, dass er damit ein bestimmtes Bild des Autors Jahnn kreiert. Bei näherem Hinsehen hat dieses allerdings weit mehr mit ihm selbst und seiner eigenen Art, Text zu produzieren, zu tun als mit Hans Henny Jahnn.

Der problematische und unverständliche Hans Henny Jahnn

Seinen zweiten Essay Stil, Motiv und fixe Idee. Über einige Untiefen der Jahnn-Lektüre trug Stach 1994 auf dem Kongress anlässlich der Feierlichkeiten zu Jahnns 100. Geburtstag vor. Darin macht Stach sich Gedanken über die Ursachen von Jahnns markantem literarischen Außenseitertum und sinniert in diesem Zusammenhang über die spezifischen Qualitäten mehr und weniger guter Literatur, um schließlich neben die Kategorien des »schlechten« und des »guten Autors« (vgl. S. 80-82) eine Kategorie des »problematischen Autors« zu stellen, die er folgendermaßen beschreibt:

»Den problematischen Autor kümmert solche Raffinesse [gemeint ist die des sog. guten Autors, NH] nicht, er tritt nackt auf die Bühne. Seine Obsessionen, seine Begierden, seine Vorurteile und Dummheiten, Ekel, Lust und Todesangst – alles hat er ausgebreitet und starrt dabei dem Leser unverwandt in die Augen. Dem wird unbehaglich zumute. Er ist berührt, vielleicht sogar erschüttert, er verspürt eine kathartische Wirkung, aber irgendwann ist es genug. Er möchte lieber darüber entscheiden, wie tief er sich ergreifen läßt. Der problematische Autor aber läßt nicht locker; er ist wie ein Bettler, der anstatt sein bisschen Kunst auf irgendeinem kindischen Instrument zu üben, uns ständig die Geschichte seines vertanen Lebens aufdrängt, und wie dieser muß er bald erkennen, daß seine Geschäfte schlecht gehen.«

Nach der Beschreibung dieser scheinbar jedem Literatursachverständigen einleuchtenden Kategorie des »problematischen Autors« fügt Stach in seinem Essay einen Absatz ein und verrät im Anschluss an die spannungssteigernde Pause: »Hans Henny Jahnn ist der Prototyp des problematischen Autors, und dieses Stigma ist, so glaube ich, das Geheimnis seines fortdauernden Mißerfolgs.«

Dass Stach selbst mit diesen Worten, die wie ich nachweise nichts anderes beschreiben als seinen höchst oberflächlichen und persönlichen Eindruck von Jahnns Schaffen, den Autor stigmatisiert und damit zu seinem »fortdauernden Mißerfolg« beiträgt, bemerkt er erschütternderweise nicht einmal. Er ist derart überzeugt vom Realismus des Bildes, das er von dem »problematischen Autor Jahnn« zeichnet, dass er allen Ernstes glaubt, dem armen Stigmatisierten damit auch noch einen Gefallen zu tun.

In einem Akt vollkommen unkontrollierter psychischer Projektion dichtet Stach seine eigene, in dieser Auffassung deutlich zum Vorschein kommende Torheit dem »problematischen Autor Jahnn« an, der angeblich mit seinen »Vorurteilen und Dummheiten, Ekel, Lust« etc. beim Publikum hausieren ging und sich wünschte, dafür auch noch anerkannt zu werden.

Dass vielmehr Stach selbst sich wünscht, für die in seinen Essays »ausgebreiteten Vorurteile und Dummheiten« über Jahnn und sein Schaffen anerkannt zu werden, obwohl er nachweislich keine Ahnung davon hat, zeigt sich vor allem an dem Ergebnis, zu dem Stach am Ende seiner Forschung nach den Ursachen für Jahnns markantes Außenseitertum gelangt. Ganz im Einvernehmen mit Ulrich Greiner, der sich im November 1994 auf ähnliche Weise zu »Fluss ohne Ufer« äußerte, befindet Stach: »Nicht von übertretenen Tabus rührt das leise Grauen von Jahnn, sondern von der radikalen Fremdheit, die seine Texte ausstrahlen. Dieser Fluß ohne Ufer scheint voller Untiefen und heimtückischer Strömungen, und seine Oberfläche spiegelt alles mögliche wieder, nur nichts Vertrautes.«

Narzisstisches Problem
Narzisstisches Problem

Dass es sich bei dem »Fremden«, das »dieser ›Fluss ohne Ufer‹« bei oberflächlicher Betrachtung spiegelt, um das ihm, des Lesers Stach eigene Fremde handeln könnte, kommt diesem nicht in den Sinn. Psychoanalytische Untersuchungen führt Stach nie bei sich selbst, sondern stets nur bei Autoren literarischer Texte durch, wie u.a. sein Essay »Stil, Motiv und fixe Idee« zeigt. Ob er selbst aus seiner Sicht bei der Lektüre von »Fluss ohne Ufer« etwas falsch bzw. nicht verstanden haben könnte, kommt für ihn nicht in Frage. Dafür, dass er als Literatursachverständiger mit diesem Werk nicht viel anfangen kann, ist nicht er selbst, sondern der Autor bzw. dessen Werk verantwortlich: »Die traurige Pointe dabei ist, daß eben das Ertragenmüssen des Unbegreiflichen - ›die schlimme Pein, nicht zu verstehen‹, wie Valéry es formuliert – das geheime Zentrum von Jahnns gesamtem Werk ist.«

Projektionen in Literaturwissenschaft und Biographik

Obwohl man seit dem Aufkommen der Theorien des Radikalen Konstruktivismus auch unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten von einer grundsätzlichen subjektiven Befangenheit des Forschers ausgehen kann, spielt dieses Thema im Hinblick auf die literaturwissenschaftliche und biographische Textproduktion bis heute so gut wie keine Rolle.

Zwar geht man in der Rezeptionstheorie davon aus, dass ein Text subjektiv wahrgenommen wird, auch und gerade deshalb aber ist man verzweifelt darum bemüht, diese Subjektivität in Deutungspraxis und Theoriebildung zu überwinden – in der Rezeptionsästhetik etwa, indem man Theorien über allgemeine Wirkungsmechanismen literarischer Texte aufstellt und sie anhand solcher Texte untersucht. Dass diese Untersuchungen und Theoriebildungen wiederum das Produkt subjektiver Wahrnehmungen sein könnten und sich ihre scheinbare Objektivität bzw. intersubjektive Überprüfbarkeit lediglich auf eine gewisse Plausibilität der Argumentation und mehrheitliche Übereinkunft der auf diesem Gebiet forschenden Wissenschaftler gründet, lässt man dabei völlig außer Acht (mehr dazu in »Die Ordnung der Unterwelt«).

Das ist natürlich kein Zufall. Denn die Scheinobjektivität subjektiver Wahrnehmungen ermöglicht es wissenschaftlichen Lesern und Interpreten, ein Bild von sich als relativ objektiv deutenden Literatursachverständigen zu zeichnen, die in der Lage sind, rasch und zutreffend Eigenschaften und Qualitäten eines literarischen Textes zu erfassen. Genau diese, die eigene Subjektivität verleugnende Position führt in der Folge zu einem fatalen Mangel an Kontrolle des eigenen Verhaltens als Interpret gegenüber dem Untersuchungsobjekt Text bzw. Autor.

Dieses Phänomen lässt sich vorzüglich am Umgang der Interpreten mit dem Autor Hans Henny Jahnn und seinen Werken beobachten. Tatsächlich eignen diese sich besonders als Projektionsflächen für die verborgenen Ängste, Wünsche und Verhaltensweisen von Lesern und Interpreten, denn die Protagonisten dieser Werke sind ausnahmslos in Handlungen verstrickt, die bis heute z.T. in hohem Maße tabuisiert sind, und laden daher auch bis heute nicht zur persönlichen Identifikation ein.

In den Widerständen, welche die Jahnn-Lektüre in Lesern und Interpreten hervorruft, artikuliert sich deren dringendes Bedürfnis, sich – gerade als Interpret, der schreibend Zeugnis von seiner Beschäftigung mit Jahnn ablegt – vom (wenn auch nur fiktiven) Geschehen dieser Werke abzugrenzen. Um am Ende nicht gar selbst am Pranger zu stehen, weisen die auf Regel- und Normkonformität bedachten Interpreten Attribute wie »peinlich«, »lächerlich«, »problematisch« oder »unverständlich« gewissermaßen vorsorglich dem Autor zu.

Persönliche Gefühle und Berührungsängste von Interpreten im Umgang mit den Themen von Jahnns Werken oder seiner Lebensgeschichte sollen in der Öffentlichkeit keine Rolle spielen. Dies würde die Interpreten ja ebenso »nackt« und »schutzlos« dastehen lassen, wie Reiner Stach und Jan Bürger dies im Hinblick auf den Autor Jahnn mehrfach konstatierten (s. oben). Weil sie sich selbst vor der Preisgegebenheit in der Öffentlichkeit fürchten, geben sie lieber den anderen preis, mit dem sie in vielerlei Hinsicht persönlich nichts zu schaffen haben wollen. Ihre einseitige, von sich und den eigenen Befindlichkeiten absehende Darstellung des Autors Jahnn als »nackt« und »schutzlos« kommt im Endeffekt einer diffamierenden Bloßstellung gleich.

Reiner Stachs projektive Beziehung zur Hauptfigur seiner Kafka-Biographie

Es ist nicht möglich, etwas über ein Werk oder einen Autor zu schreiben, ohne dabei etwas von sich auf es oder ihn zu übertragen. Immerhin aber ist es möglich, sich diesen im Deutungsprozess ablaufenden Übertragungsprozess bewusst zu machen und damit ein Gefühl für sich selbst in jenem anderen zu entwickeln, über dessen Werk und/oder Leben man schreibt.

Verkehrte Welt
Verkehrte Welt

Wo die Reflexion des eigenen Standpunktes ausbleibt, besteht die Gefahr, dass man den eigenen Standpunkt mit dem des anderen verwechselt und blind Eigenschaften und (Konflikt-)Muster von sich auf ihn überträgt. Dies gilt sowohl für die literaturwissenschaftliche Textinterpretation als auch für die Arbeit des Biographen, die ebenfalls eine interpretierende ist; nur dass diese Interpretation nicht auf der Basis eines fiktiven Geschehens vorgenommen wird, sondern auf der Basis biographischer Fakten und autobiographischer Zeugnisse. Diese wählt der Biograph unter subjektiven Gesichtspunkten aus, strukturiert sie im Grunde gemäß persönlichen Mustern und Motiven und schafft dadurch eine literarische Figur, die mit der Wirklichkeit des Menschen, der einst lebte, nur noch begrenzt zu tun hat.

Im Herbst dieses Jahres nun hat der Jahnn-Interpret und Kafka-Biograph Reiner Stach den letzten Teil einer biographischen Trilogie über Franz Kafka vorgelegt, an der er fast 20 Jahre lang gearbeitet hat und die eine Menge Fakten über das Leben dieses bekannten Autors präsentiert.

Verzerrte Perspektive
Verzerrte Perspektive

Soweit so gut. Es steht allerdings zu befürchten, dass die über 2000 Seiten umfassende Lebensbeschreibung von ähnlichen, das Bild des Menschen und Autors Kafka erheblich verzerrenden Projektionen geprägt ist wie Stachs Arbeiten über Jahnns Werk. Als ich an meiner Arbeit über »Fluss ohne Ufer« schrieb, lag mir der von Stach zuerst publizierte zweite Teil der Trilogie mit dem Titel Kafka. Die Jahre der Entscheidungen bereits vor, so dass ich Textstellen daraus zum Beleg für Stachs bemerkenswert unreflektierte Arbeitsweise, als Interpret wie als Biograph, anführen konnte.

Ich präsentiere im Folgenden einen Textausschnitt aus der Schlussbetrachtung meiner Arbeit. In der darin von mir analysierten Textstelle aus »Kafka. Die Jahre der Entscheidungen« befasst Stach sich mit Kafkas Beziehung zu »Menschen mit ausgeprägten fixen Ideen« (vgl. Kafka. Die Jahre der Entscheidungen, S. 232). Was Stach an dieser Stelle über Kafkas Beziehung zu »Menschen mit ausgeprägten fixen Ideen« feststellt, ähnelt nicht zufällig frappant seiner eigenen Beziehung zu Autoren wie Jahnn, über dessen angebliche pathologische Neigung zu »fixen Ideen« Stach sich im Essay Stil, Motiv und fixe Idee seitenlang auslässt (vgl. S. 86-90). Da Stach sich der verschiedenen Aspekte seiner eigenen Beziehung zu »Menschen mit ausgeprägten fixen Ideen« (wie seiner Meinung nach Jahnn einer war) jedoch nicht bewusst ist, zeigt er sich auch nicht in der Lage, diese Aspekte in Kafkas Beziehung herauszuarbeiten und zeichnet ein ebenso undifferenziertes wie unzutreffendes Bild von Kafka.

Stachs projektive Beziehung zur Hauptfigur seiner Kafka-Biographie
Reiner Stach und Franz Kafka.pdf
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Um für meine wissenschaftliche Arbeit »Die Ordnung der Unterwelt«. Zum Verhältnis von Autor, Text und Leser am Beispiel von Hans Henny Jahnns »Fluß ohne Ufer« und den Interpretationen seiner Deuter den Doktortitel zu bekommen, verlangte die zuständige Promotionskommission von mir, etliche Passagen aus dem Text heraus zu nehmen, u.a. solche, bei denen es sich laut wissenschaftlichem Gutachten um »die Persönlichkeit der [wissenschaftlichen, NH] Autoren herabwürdigende[n] Angriffe [...] und despektierliche[n] Formulierungen« handelt.

Wenn es um die Verteidigung der Berufsehre geht, hat die Wissenschaft offensichtlich nur die eigene im Blick und nicht die der Autoren literarischer Texte, mit denen sie sich aus ihrer Sicht natürlich stets sachlich und wertungsfrei auseinandersetzt. Ob ein Autor wie Jahnn von Seiten der Wissenschaft und der Biographik »Angriffen« ausgesetzt ist, die seine »Persönlichkeit« auch posthum noch »herabwürdigen«, und ob Leser und Interpreten sich in Bezug auf ihn »despektierlicher Formulierungen« bedienen, spielt in den Augen solcher Wissenschaftler keine Rolle.

Auch die angeblichen Kenner von Jahnns Werk, die sich im Januar 2015 wieder zu einem feierlichen Hans-Henny-Jahnn-Abend zusammenfinden, wollen sich keine Kritik an ihrem Verhalten gefallen lassen und tun seit nunmehr fünf Jahren so, als gäbe es meine Forschungsergebnisse zu »Fluss ohne Ufer« und ihren Interpretationen nicht. Die Hartnäckigkeit, mit der sie die Augen davor verschließen, ist allerdings nur ein weiteres Indiz für die Arroganz und Selbstgenügsamkeit, die sie auch im Umgang mit Werken und Persönlichkeiten der Literaturgeschichte an den Tag legen. – Die Vogel-Strauß-Taktik wird ihnen auf Dauer nichts nützen. Denn wie gesagt: unser Tun ist und bleibt sichtbar und wir sehen uns – noch in diesem Leben!

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