Die Romantrilogie »Fluss ohne Ufer«

Dies ist ein Textausschnitt aus meinem persönlichen Exemplar des Romans Das Holzschiff, des ersten Teils der Romantrilogie »Fluss ohne Ufer«. Der Ausschnitt stammt von Seite 125 der Ausgabe letzter Hand aus dem Jahr 1959 – dem Todesjahr des Autors, der 1894 in Hamburg geboren wurde.

Den Titel des Essays, den ich zur Beantwortung der Preisfrage 2008 geschrieben habe, habe ich nicht zufällig dieser Textstelle aus dem »Holzschiff« entlehnt, die mit dem Satz endet: »Der Raum hinter den Dingen zeigte sich.« Was dieser geheimnisvolle »Raum hinter den Dingen« ist, klärt der Autor weder an dieser Stelle noch sonstwo in der mehr als 2000 Seiten umfassenden Trilogie.

Für mich war dieser »Raum« vor allem der »hinter« den Worten von Jahnns Text, deren Bedeutung sich mir nicht erschloss, bis ich erkannte, dass ich für ihre Konstitutierung selbst verantwortlich war. In diesem »Augenblick wurden« auch für mich »die Wände des Logis zu Spiegeln«: Hinter den rätselhaften Worten des Autors kam die Bedeutung zum Vorschein, die ich ihnen verlieh und die mir ein Bild meiner selbst vermittelte. Nachdem ich dieses zur Kenntnis genommen hatte, wandelte sich in meinen Augen auch das Bild des Textes. Der Raum hinter den Dingen zeigte sich und mit ihm die ästhetische Qualität der Romantrilogie »Fluss ohne Ufer«.

Kurze Beschreibung des Werkes

Mit etwa 250 Seiten ist »Das Holzschiff« ein recht schmales Buch. Es bildet eine abgeschlossene Erzählung und eignet sich gut als Einstiegslektüre in Jahnns Gesamtwerk. Der zweite Teil von »Fluss ohne Ufer« mit dem Titel »Die Niederschrift des Gustav Anias Horn, nachdem er neunundvierzig Jahre alt geworden war« ist mit etwa 1500 Seiten sehr umfangreich und liegt bis heute in zwei Bänden vor. Bei der »Niederschrift« handelt es sich im Gegensatz zum »Holzschiff«, das in der dritten Person erzählt ist, um den fiktiven autobiographischen Bericht des Ich-Erzählers Gustav Anias Horn. Der dritte Teil der Trilogie mit dem Titel »Epilog« umfasst etwa 400 Seiten, über deren Fertigstellung der Autor verstarb. Der »Epilog« dreht sich um das Schicksal der Nachkommen von Figuren aus den ersten beiden Teilen der Trilogie.

Seit November 2014 liegt ein E-Book von »Fluss ohne Ufer« vor, das mit 30 € erfreulicherweise erschwinglich ist und damit auch günstiger als antiquarisch erwerbbare Ausgaben.

Es ist unmöglich, die Handlung von »Fluss ohne Ufer« knapp zu beschreiben, ohne dem Werk die signifikante poetische Strahlkraft zu nehmen. Auch ich möchte hier nicht darauf eingehen und verweise stattdessen auf meine Dissertation »Die Ordnung der Unterwelt«. Zum Verhältnis von Autor, Text und Leser am Beispiel von Hans Henny Jahnns »Fluss ohne Ufer« und den Interpretationen seiner Deuter. Sie ist Open Access auf dem Server des Institutionellen Repositoriums der Universität Konstanz veröffentlicht und kann kostenlos sowohl dort als auch (in der aktuellsten Fassung) hier auf der Website heruntergeladen werden.

In dieser Arbeit befasse ich mich in der notwendigen Ausführlichkeit mit der Handlung von »Fluss ohne Ufer« und zeige zugleich, wie missverständlich sie wirkt, wenn man die tieferen Dimensionen ihrer Bedeutung nicht in Betracht zieht. Eine Einführung in die Problematik bieten die Artikel, die ich unter Aktuelles/Blog veröffentlicht habe, sowie der 2009 anlässlich Jahnns 50. Todestag auf Literaturkritik.de erschienene Essay Der seltsame Fall des Hans Henny Jahnn.

Der Autor Hans Henny Jahnn

Hans Henny Jahnn
Hans Henny Jahnn

In meiner Dissertation »Die Ordnung der Unterwelt«. Zum Verhältnis von Autor, Text und Leser am Beispiel von Hans Henny Jahnns »Fluss ohne Ufer« und den Interpretationen seiner Deuter zeichne ich mit dem Bild der Romantrilogie »Fluss ohne Ufer« und des damit verbundenen Entstehungsprozesses zugleich ein Bild des Autors Hans Henny Jahnn, der Zeit seines Lebens auch als anerkannter Orgelsachverständiger tätig war. Leider kursieren in der biographischen Literatur wie auch in den Werkinterpretationen und -besprechungen noch immer zahlreiche Fehleinschätzungen von Jahnns Persönlichkeit und seinem Textschaffen. Selbst bekannte Publizisten wie Jan Philipp Reemtsma, Reiner Stach und Ulrich Greiner zeigen sich bis heute nicht in der Lage, sich dem Autor und seinen komplexen Werken vorurteilsfrei zu nähern.

Will man also Näheres über den vielseitig begabten Künstler Hans Henny Jahnn erfahren, empfiehlt es sich, zu Informationen aus erster Hand zu greifen. Jahnn hat zahlreiche Briefe, Essays und Vorträge geschrieben, die sein Leben und seine Weltanschauung ausführlich dokumentieren und die inzwischen in großen Teilen veröffentlicht sind (s. Hamburger Ausgabe). Zuletzt ist im November 2014 unter dem Titel »Liebe ist Quatsch«. Briefe an Ellinor ein neuer Briefband erschienen, auf den ich unter Aktuelles/Blog eingehe.

In einer Zeit, in der die konservativen geistigen Strömungen in Europa Oberhand gewannen und die verheerenden Gewalteruptionen zweier Weltkriege auslösten, trat Jahnn bereits für Werte ein, die seit der Französischen Revolution zwar zunehmend Einfluss auf die Verfassungen der europäischen Staaten nehmen, im gesellschaftlichen Bewusstsein jedoch noch immer nicht richtig angekommen und in der politischen Praxis noch nicht effektiv umgesetzt sind.

Freiheit – Gleichheit – Mitgefühl

Für diese Werte trat Jahnn nicht nur in seinen literarischen Werken und – soweit die widrigen politischen Umstände es zuließen – in der Öffentlichkeit ein. Er lebte sie auch, wie ich anhand einiger Schlaglichter auf seine Biographie zeigen möchte:

So war Jahnn beispielsweise Zeit seines Lebens Pazifist, verweigerte im Alter von 20 Jahren den Kriegsdienst und desertierte 1915 mit seinem Freund und damaligen Partner nach Norwegen, wo die beiden sich versteckten und autodidaktisch beruflich bildeten. Dort arbeitete Jahnn an seinem ersten, nach dem Krieg publizierten Drama »Pastor Ephraim Magnus« und eignete sich das musikalische und handwerkliche Wissen über den Orgelbau an, in dem er bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs als gefragter Sachverständiger tätig wurde. Die freie persönliche Entwicklung war ihm so wichtig, dass er nach der Rückkehr aus dem Exil auf eine Ausbildung verzichtete und sofort seinen Beruf ergriff.

Auch für die homosexuelle Gleichstellung setzte Jahnn sich Zeit seines Lebens ein im Rahmen der Möglichkeiten, die eine Gesellschaft ihm ließ, in der Homosexualität unter Strafe stand. So thematisierte Jahnn Homo- und Bisexualität bereits seit den zwanziger Jahren in seinen Werken mit deutlichen Anspielungen auf sexuelle Praktiken und Gepflogenheiten schwuler Subkultur, woraufhin er unter anderem von kirchlicher Seite immer wieder mehr und weniger öffentlich angefeindet und als Künstler und Orgelsachverständiger diskriminiert wurde.

Bis zum Zweiten Weltkrieg gelang es Jahnn im Rahmen der von ihm selbst ins Leben gerufenen Künstlergemeinschaft Ugrino recht gut, als freier Künstler zu leben. Schwieriger wurde es, als er sich im Jahr 1934, dieses Mal mit seiner Familie, erneut ins Exil auf die Ostseeinsel Bornholm begab, wo er die Zeit des Zweiten Weltkriegs verbrachte und die ersten beiden Teile der Romantrilogie »Fluss ohne Ufer« schrieb, die er erst nach dem Krieg veröffentlichen konnte. Wie alle seine Werke war auch dieses ein künstlerisches Wagnis und erbrachte keine nennenswerten Einnahmen. Im Orgelbau gab es für Jahnn, der vor dem Krieg von den Nazis aus dem Geschäft gedrängt worden war, ebenfalls kein Geld mehr zu verdienen.

Der Preis der Freiheit

In seinem letzten Lebensjahrzehnt hatte Jahnn es besonders schwer, sich und seine Familie mit geringfügigen Honoraren als freier Schriftsteller und vereinzelten staatlichen Zuwendungen der Stadt Hamburg finanziell über Wasser zu halten. Er wurde zum Sozialfall in einer Zeit, in der es noch keine Sozialgesetzgebung und keinen staatlich garantierten Anspruch auf Sozialhilfe gab.

Da Jahnn über keine »ordentliche« Ausbildung verfügte, war er gezwungen, sich im Alter von über 50 Jahren entweder als Hilfsarbeiter zu verdingen, zu verschulden oder um Geld zu betteln. Für einen Menschen wie ihn, der sich des geleisteten Beitrags zum gesellschaftspolitischen Fortschritt bewusst war, war dieser Zustand eine dauerhafte Demütigung, die ihn seelisch und gesundheitlich beeinträchtigte und mit zu seinem frühen Tod im Alter von 65 Jahren beitrug.

Dabei war Jahnn sich bewusst, dass seine gesellschaftliche Position prinzipiell keine andere gewesen wäre, hätte er als Autor mehr Erfolg gehabt. Im Jahr 1953 betonte er in seinem Vortrag Vereinsamung der Dichtung, dass das künstlerische Schreiben kein Beruf im Sinne einer Erwerbstätigkeit ist, auch dann nicht, wenn sich Menschen finden, die dem Dichter seine Kunst bezahlen:

»Eine Erklärung muß wiederholt werden: die Kunst, die Dichtkunst – ist kein Beruf. Dem Künstler ist noch niemals seine Beschäftigung bezahlt worden, er hat immer nur davon gelebt, daß es Mäzene gab, die seine Arbeit, seine Leistung zu schätzen wußten. Es hat immer ein Gegensatzverhältnis zwischen dem Künstler, dem Dichter und den Mäzenen bestanden; denn es ist nicht neu, daß der inwendig Beauftragte seit jeher an der Seite der Schwachen, der Unterdrückten, der Besiegten, der Gequälten gestanden hat. [...] Schließlich ist der Künstler, auch wenn er gemästet wird, selbst in der Rolle des Schwachen, des Zwergenhaften, des Verhöhnten und Betrogenen, in der Rolle des Hamlet. So ist es jetzt, und so ist es seit jeher gewesen. Ein Ausgehaltener. Er war und ist abhängig im besten Fall von Freunden, meistens aber von fragwürdigen Helfern.« (Jahnn: Schriften II, S. 381f.)

Freiheit der Kunst und bedingungsloses Grundeinkommen

Wie die des Wissenschaftlers verträgt sich auch die Tätigkeit des Künstlers nicht mit den Abhängigkeiten, die unser Gesellschaftssystem in großer Zahl produziert.

Mehr als jeder andere ist der Künstler berufen, in seiner Kunst eine Wahrheit zum Ausdruck zu bringen, die keineswegs allen Menschen genehm ist, geschweige denn ihnen in Gestalt des Kunstwerks schön erscheint. Die innere Unabhängigkeit, die zur Herstellung eines solchen Werkes nötig ist, wäre nur dann vollständig gewährleistet, wenn dem Künstler bedingungslos ein Einkommen zur Verfügung stünde. Sonst ist jede seiner Äußerungen mit einem hohen persönlichen Risiko verbunden, das man naturgemäß scheut – und nicht zu Unrecht, wie sich im Hinblick auf Jahnns Leben erkennen lässt.

Auch er scheute das Risiko, doch der »inwendige Auftrag«, den Menschen im Geflecht der äußeren und inneren Umstände abzubilden, die ihn in der Gesellschaft (auch heute noch) an der Entfaltung seiner Persönlichkeit hindern, war offenbar stärker als Jahnns Angst vor dem finanziellen Ruin. Im Vortrag »Vereinsamung der Dichtung« erklärt er:

»Der gewaltige Sadismus, der hinter den Zivilisationen steht, der die Feuerbrände entfacht, nistet unbemerkt im Einzelnen, weil dieser seiner ›Konstitution‹, seines eigentlichen Lebensgrundes entfremdet ist, ja, das Verbot bekommen hat, er selbst zu sein – gezwungen wird, eine Nummer im Ameisenbetrieb der Bürokratien zu werden. – Es ist die Pflicht, der Auftrag des Dichters in dieser Zeit, daß er inmitten der allgemeinen Verblendung genau hinschaut, riecht, schmeckt, daß er das Wirkliche nicht oberflächlich, sondern mit Gründlichkeit wahrnimmt – um durch Wahrhaftigkeit – nicht durch Parteilichkeit – nicht im Auftrage einer öffentlichen Meinung – seine bescheidene, doch langsam wirkende Revolution einzuleiten.« (Jahnn: Schriften II, S. 380)

Ich bin mir sicher: Hätte es zu Jahnns Lebzeiten auch nur ansatzweise Raum zur Verwirklichung der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens gegeben, er hätte nachdrücklich dafür plädiert, es einzuführen.

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