Das Denken braucht den Raum hinter den Dingen

Ein Essay aus dem Jahr 2008

Welchen Raum braucht das Denken?
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Erster Teil

Der Raum des Denkens ist nicht identisch mit dem Raum der Wahrnehmung. Die Wahrnehmung funktioniert über die Sinne und vermittelt einen Eindruck von der Welt, der zumindest bei den höheren Wirbeltieren relativ gleich ausfällt.

Draußen vor der offenen Terrassentür sitzt die Katze und blickt ins Esszimmer. Der Stuhl mit dem roten Sitzkissen, auf dem sie manchmal liegt, sieht in ihren Augen nicht viel anders aus als in meinen. Gewiss, sie sieht ihn aufgrund ihrer geringeren Körpergröße aus einem anderen Blickwinkel, vielleicht im ersten Augenblick auch nicht so scharf, da ihr Auge mehr auf die Wahrnehmung des Raumes als auf die einzelner Gegenstände ausgerichtet ist. Das Sitzkissen wird ihr eher grau als rot erscheinen, da sie Rot so gut wie nicht zu sehen vermag.

Doch trotz der geringfügigen Unterschiede in der Wahrnehmung des Gegenstandes, auf den wir beide blicken, ist dieser in ihren Augen ein vollkommen anderer als in meinen. Sie verbindet ihn aus Erfahrung mit anderen Dingen: Sie lässt sich nicht darauf nieder, um darauf zu sitzen und zu essen, sie springt hingegen vom Boden hinauf, um darauf zu liegen und zu schlafen. Der Esstisch mit der über die Kanten hängenden Tischdecke ist für sie eher eine Art Betthimmel, der verhindert, dass sie sich auf dem erhöhten Platz mitten im Raum exponiert fühlt; darüber hinaus ist der Esstisch für sie wohl vor allem eine Zone, auf der sie sich gesehen nicht bewegen kann, ohne verscheucht zu werden. Ihr Tisch ist erfahrungsgemäß der Küchenboden.

Schon sein Gebrauch verändert den Gegenstand, der sich äußerlich gesehen stets gleich gestaltet, fundamental. Wie stark wandelt er sich dann erst unter dem Gesichtspunkt der Bedeutung, die wir ihm jenseits seines Gebrauchs verleihen? Wenn wir die Gedanken und Gefühle in Betracht ziehen, die wir mit seinem Anblick verbinden?

Das Haus am Ende der Straße, dessen Wetterseite graue Schindeln bedecken und an dem ich auf meinem Weg in den Wald täglich vorbeigehe, sieht Oma Sissenich, die alte Dame, die darin wohnt, gewiss mit anderen Augen als etwa einer der Casino-Besucher, die sich auf der Suche nach einem Parkplatz gelegentlich in unsere Straße verirren. Der Schmutz, der sich über Jahrzehnte hinweg auf den Schindeln festgesetzt hat, ist für Oma Sissenich ein so gewöhnlicher, ihr gar lieb gewordener Anblick, dass er ihr vielleicht noch nie aufgefallen ist. Sie hat das Haus von ihren Eltern geerbt. Es ist ihr vertraut wie einer ihrer Körperteile, etwa die inzwischen mit Altersflecken und dicken blauen Adern bedeckte Hand, die dennoch dieselbe ist, mit der sie als Kind die Klinke der Zimmertüren hinunterdrückte, um von einem Raum in den anderen zu gelangen.

Oma Sissenichs Haus verfügt aber nicht nur über betretbare Räume, es verfügt auch über einen weitaus größeren unsichtbaren Raum, in dem die Möglichkeiten zur Nutzung und Bewertung des Hauses enthalten sind. Dieser Raum ist ein recht öffentlicher. Jeder, der auch nur entfernt in eine Beziehung zum Haus tritt, bewegt sich darin und verwirklicht damit einen Aspekt der darin enthaltenen Möglichkeiten.

Der Casino-Besucher wird an Oma Sissenichs Haus am meisten schätzen, dass der Gehweg davor häufig leer ist, da die alte Dame keinen Wagen besitzt. Er nutzt den Parkraum, der mit dem Haus zugleich in die Welt gekommen ist.

Ich nutze und schätze Oma Sissenichs Haus in seiner Eigenschaft, daran in dem mir hier zur Verfügung stehenden Raum den aufzuzeigen, den das Denken nicht nur braucht, sondern ohnehin einnimmt – ob einem dies nun bewusst ist oder nicht.

Oma Sissenich nutzt das Haus zweifellos zum Wohnen und erlebt es zugleich als angefüllt mit unzähligen Erinnerungen und daher wohl als von eigentlich unschätzbarem Wert. Einen Makler hingegen würde höchstens interessieren, ob das Geld, das ein potentieller Kunde für das Haus zu zahlen bereit wäre, den Aufwand der Vermarktung überhaupt noch lohnte. Er würde die weitgehende Nutzlosigkeit des Gegenstandes im pekuniären Sinne feststellen und Oma Sissenichs Häuschen damit dennoch auf eine Weise nutzen. Denn der Wert eines brauchbareren Hauses lässt sich nur am weniger brauchbaren ermessen. Der nützliche Gegenstand braucht den »nutzlosen«, um überhaupt nützlich sein zu können. Seinen Gebrauchswert bezieht er geradezu aus dem scheinbar rein ideellen derer, für die wir meist wenig oder nichts auszugeben bereit sind, weil sie uns nutzlos erscheinen.

Nicht nur Kunstgegenstände, die auf ähnliche Weise nutzlos sind, aber ungleich viel höhere Preise erzielen, geben bei dieser Betrachtung ihren ausgesprochen realen Wert zu erkennen. Nur weil kein oder kaum Geld damit zu verdienen ist, sind solche Gegenstände nicht per se wertlos. Ihr Wert ist nur nicht auf den ersten Blick sichtbar. Er ist im Schattenreich unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems angesiedelt; und da das Auge von Käufern und Verkäufern immer wieder darüber hinweggleitet, ohne ihn zu registrieren, verschafft sich dieser negierte, doch keineswegs negative Wert gewaltsam die Aufmerksamkeit, die er verdient.

Zum Beispiel in Gestalt der Finanzkrise, die durch die Situation auf dem amerikanischen Immobilienmarkt ausgelöst wurde. In den USA steht heute eine Fülle relativ neuer, durchaus nutzbarer Häuser zur Verfügung, aber die, die sich diese Häuser leisten können, haben kein Interesse, sie zu nutzen, nicht einmal, um Geschäfte damit zu machen; und die, die sie gerne nutzen würden und sie bis zum Zeitpunkt ihrer Zahlungsunfähigkeit häufig auch genutzt haben, können sich diese Häuser nicht leisten, obwohl – beziehungsweise offenbar gerade weil – sie ihnen soviel mehr bedeuten als ein Dach überm Kopf.

Sie wollten darin gemeinsam ihre Kinder großziehen, im Alter mietfrei darin wohnen und das Haus am Ende den Kindern vermachen. Das Haus bedeutete ihnen Geborgenheit in der Gemeinschaft, Sicherheit und den Status dessen, der sich diese zentralen menschlichen Bedürfnisse zu erfüllen vermag. Doch besaß der mit dem Haus verbundene ideelle Wert offenbar einen so hohen Stellenwert im Leben der Besitzer, dass sie sich um seinetwillen ruinierten und das Haus und damit zugleich alles verloren, was es ihnen bedeutete. Das ersehnte Wohneigentum hat sie in genau den Abgrund gestürzt, vor dem der Kauf sie eigentlich schützen sollte.

Weithin sichtbar ist die ins Dämonische verwandelte Qualität des nützlichen Gegenstandes »Haus« auch und vor allem daran, dass er unter ökonomischen Gesichtspunkten kaum noch etwas, jedenfalls entschieden zu wenig wert ist, um derzeit noch für irgendeinen Marktteilnehmer von Interesse zu sein. Das amerikanische Heim ist nutzlos geworden. Sein Marktwert, der im Rahmen unseres Systems letztlich als der reale gilt, verfällt im selben Maße, in dem sein ideeller Wert zum Vorschein kommt und sich von seiner negativsten Seite zeigt. Negativ erscheint er jedoch nur, weil ihm im Handel mit Gegenständen etwa des täglichen Bedarfs viel zu wenig Rechnung getragen wird. Im Marketing wird der ideelle Wert zwar in vielerlei Hinsicht eingesetzt, die Werbung nutzt ihn, um den Absatz der Produkte zu fördern. Doch was die Werbung verspricht, können die beworbenen Produkte unmöglich halten. Hielten sie es, erwiesen sie sich wie die amerikanischen Eigenheime als erheblich teurer, als sie potentiellen Kunden angeboten werden. Das persönliche Risiko, das die amerikanischen Käufer mit dem Erwerb ihrer Häuser eingingen, war in deren Preisen offensichtlich nicht einkalkuliert.

Lediglich im Handel mit Kunst und Luxusartikeln tritt der ideelle Wert der Gegenstände in Erscheinung und sprengt regelmäßig alle Preisvorstellungen, die man sich in Bezug auf die gehandelten Gegenstände zu machen vermag. Tatsächlich sind gerade Kunstgegenstände mit Geld eigentlich nicht zu bezahlen. Die hohen Preise, die sie erzielen, sind das zur gängigen Discount-Mentalität gehörige Seitenstück und somit nur ein anderer Ausdruck des tief in unserem System verankerten Defizits an Anerkennung ideeller Werte. Erkennbares Zeichen des Mangels ist auch jene bemerkenswerte Aushebelung des ökonomischen Gesetzes: »Angebot und Nachfrage regeln den Preis«, die sich auf dem amerikanischen Häusermarkt beobachten lässt: Nach all den leerstehenden Häusern fragt zwar in der Tat niemand, doch der Bedarf, sie zu erwerben, besteht nach wie vor. Allein, potentiellen wie ehemaligen Besitzern fehlt das Zahlungsmittel. Könnten sie mit der Leidenschaft bezahlen, mit der sie eines dieser Häuser zu besitzen wünschten und mit der sie nun die Folgen des Erwerbs tragen, sie erhielten unendlich viele dafür. Doch am Ende zählt in unserem System nun einmal nur, was man in der Tasche oder auf dem Konto hat; und das haben nicht nur zahlreiche amerikanische Hausbesitzer verloren, sondern auch die, die heute in einem Akt unfreiwilliger Solidarität die Verluste jener Hausbesitzer teilen – nachdem sie Papiere erwarben, deren Wert, wie sich heute zeigt, allein in den Zahlungsforderungen der Kreditgeber besteht.

Bei näherem Hinsehen freilich bergen die heute so wertlosen, weil lediglich durch Forderungen abgesicherten, de facto also nicht sicheren Papiere noch einen anderen Wert. Jene Asset-Backed Securities und wie sie sonst noch heißen sind im Grunde nichts als das, was die Häuser ihren einstigen Besitzern zum Zeitpunkt des Erwerbs bedeuteten und was sie ihnen noch heute bedeuten: Träume, die in Gestalt der Immobilienblase zerplatzt sind.

Dabei hatte man in der Hoffnung auf ein gutes Geschäft den gefühlten Wert der Häuser zur Geschäftsgrundlage gemacht, ihn aber wie so häufig in der Preisgestaltung nicht berücksichtigt, so dass bis auf die, die jene in Wertpapiere umgemünzten Schuldscheine erfolgreich vermarkteten, am Ende alle Geschäftsteilnehmer verloren haben. Darüber können auch und gerade die staatlichen Finanzspritzen nicht hinwegtäuschen, mit denen man hofft, die heruntergewirtschaftete Finanzbranche wieder auf Vordermann zu bringen. Viel wird dieser Tage geschimpft über deren Angehörige. Man moniert die Irrealität der Finanzwirtschaft gegenüber der sogenannten realen. Mit ihrer Spekulation treibe sie das Wertvolumen einzelner Produkte in schwindelerregende Höhen und koppele damit die gesamte Wirtschaft von den realen Werten ab. Tatsächlich treibt die sogenannte Realwirtschaft, die weder den emotionalen Bedürfnissen der Menschen noch dem ideellen Wert der gehandelten und nicht gehandelten Gegenstände Rechnung trägt, in Gestalt der Finanzwirtschaft lediglich ihre Blüten.

Die jüngsten ökonomischen Ereignisse sind ein Auswuchs unseres Systems, in dem dessen Mangelhaftigkeit und Neigung zur Selbstzerstörung sichtbaren Ausdruck finden. Wir können dies zum Anlass nehmen, die Stellschrauben neu zu justieren. Erst einmal aber müssen wir feststellen, aus welchem Grund sich die offenkundigen Missstände eingeschlichen haben.

Zweiter Teil

Unser gesamtes Leben – das Wirtschafts-, Gesellschafts- und Sozialleben – spielt sich unter der Voraussetzung ab, dass wir nicht einfach sein dürfen, sondern für unser Dasein zu zahlen haben.

Eine gewisse Schonzeit können wir in Anspruch nehmen, solange wir nicht erwachsen sind. Bis zum achtzehnten Lebensjahr und in Form einer Ausbildung einige Jahre darüber hinaus haben unsere Eltern für uns zu zahlen. Dies haben sie zusätzlich zur Finanzierung ihres eigenen Daseins zu leisten. Jeder von uns wird mit der Schuld, da zu sein, geboren. Er steht dadurch, dass seine Eltern eine Zeit lang einen Teil seiner Schuld auf sich genommen haben, zugleich in der Schuld seiner Eltern.

Selbst wenn es einem gelingt, mehr Geld zu verdienen als er zur Deckung seiner Grundbedürfnisse braucht, in der Schuld, sich verdient zu machen, steht er jederzeit. Es mag ihm gelingen, die Schuld durch sein Einkommen und die damit verbundene gesellschaftliche Anerkennung soweit zu tilgen, dass sie ihm nicht zur Last fällt. Los wird er sie dadurch nicht. Auch sein Leben steht wie das des mittel- und verdienstlosen Sozialhilfeempfängers unter dem Zeichen der Schuld, da zu sein. Sie endet erst mit seinem Tod, der unter diesem Gesichtspunkt wie eine Erlösung anmutet.

In diesem zentralen Punkt unterscheidet sich der Mensch fundamental von allen höheren Wirbeltieren. Die Katze zum Beispiel, die inzwischen auf den Stuhl gesprungen ist, sich darauf zusammengerollt hat und nun selig schläft, verdient ihr Dasein mitnichten. Dennoch ist sie da, mir sichtbar, war gestern da und wird morgen da sein, ohne dafür arbeiten zu müssen. Ihre Mutter hat ihr das Leben geschenkt, sie ist behütet aufgewachsen unter ihren Geschwistern, ist später in meine Obhut gelangt und hat das Glück, sich nicht einmal ihre Nahrung selbst beschaffen zu müssen, da der Küchenboden für sie immer reich gedeckt ist.

Doch selbst wenn sie in der Wildnis zur Welt gekommen, kein Haustier geworden und ihre Existenz heute zweifellos beschwerlicher für sie wäre, so unterschiede diese sich in einem Punkt wesentlich von der meinen: Die Möglichkeit, sich ihre Nahrung zu beschaffen, wann immer sie will, ohne dafür zahlen zu müssen, desgleichen sich einen Unterschlupf zu suchen, in dem sie Schutz vor Störungen durch andere Tiere oder Wetterturbulenzen findet, ohne dafür zahlen zu müssen – kurz: die Tatsache, dass sie bedingungslos da ist und sich selbst versorgen kann, verschafft ihr eine Autonomie, die ich als Mensch in unserer zivilisierten Gesellschaft entbehre.

Es ist doch wahr: Ich darf nicht einfach in den Stadtwald gehen, mir ein Areal abgrenzen, die Bäume abholzen, Beete anlegen und in Subsistenzwirtschaft dort leben. Ich darf nicht einmal mit einem Gewehr in diesen Wald gehen, die Wildschweine aufstöbern und mir eines von ihnen als Nahrungsvorrat für die nächsten Tage schießen. Ich dürfte es nicht einmal, wenn ich schießen könnte und wüsste, wie ich das geschossene Schwein auszunehmen hätte. Durch diesen Wald darf ich gehen, weil er Eigentum des Staates mithin Gemeinschaftseigentum ist und es mir daher freisteht, mich darin zu bewegen. Ich darf auch zum Metzger um die Ecke gehen und mir dort ein oder mehrere Stücke Wildschwein besorgen, damit ich die nächsten Tage nicht verhungere. Doch für all das muss ich zahlen. Um zahlen zu können, muss ich Geld verdienen. Um Geld zu verdienen, muss ich arbeiten. Diese Arbeit gewährleistet mir ein Stück Autonomie. Dass es sich um keine echte Autonomie handelt, bekomme ich zu spüren, wenn ich den Platz verliere, der es mir ermöglicht, mir diese »Autonomie« zu verdienen.

Arbeitsplatzverlust führt in weniger sozialstaatlich organisierten Gemeinwesen dazu, dass der Arbeitslose verhungert. Hier bei uns führt der Verlust meines Arbeitsplatzes dazu, dass ich mich – wie übrigens auch diejenigen, die dem Schicksal der Arbeitslosigkeit zu entrinnen trachten – gezwungen sehe, mich in jeder erdenklichen Form zu verdingen, um weiterhin Anspruch auf Hilfe zu haben in einer Situation, die ich allein dadurch verschuldet habe, dass ich bin.

Den Arbeitsplatz verliere ich ja nicht, weil ich oder meine Arbeit mehr oder weniger wert sind als meine Mitmenschen und deren Arbeit. Ich und meine Arbeit werden nur gerade nicht gebraucht und nur, weil ich dennoch bin, soll ich etwas tun, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen: etwas, womit ich freiwillig niemals meine Zeit verbringen würde. Ich würde lieber schießen und Schweine ausnehmen lernen, um mir meinen Lebensunterhalt selbst besorgen zu können, als etwa acht Stunden am Tag am Fließband zu stehen oder öffentliche Toiletten zu reinigen. Damit ich dies freiwillig täte, müsste man mir weitaus mehr bezahlen als irgendjemand in unserer zivilisierten Welt derzeit für solche Tätigkeiten zu zahlen bereit ist.

Doch wäre meine Autonomie durch Arbeitsplatzverlust de facto dermaßen eingeschränkt, dass ich nicht einmal mehr zwischen zwei dieser Übel wählen dürfte. Ich müsste einfach für das zur Verfügung stehen, wofür ich gerade gebraucht werde. In dem Augenblick, in dem es mir nicht mehr möglich ist, mir das Geld zum Dasein zu verdienen, habe ich meine persönliche Freiheit verwirkt und stehe in der Schuld der Gesellschaft beziehungsweise der Menschen, die mir ihrerseits das Geld, das ich zum Dasein brauche, zur Verfügung stellen.

In unserer Gesellschaft bin ich also nicht nur von meinem ersten Atemzug an bereits Schuldner, ich bin auch Teilnehmer eines Handels, der es mir ermöglichen soll, die Schuld, die mein Leben darstellt und die sich im Grunde nicht abtragen lässt, kontinuierlich zu tilgen. Das Produkt, das ich verkaufe – ob ich dies will oder nicht – bin ich selbst, und wenn ich Glück habe oder mich geschickt genug anstelle, erziele ich mit mir einen guten Marktpreis und verdiene das Geld, das mir ein Leben wie das eines wilden Tieres ermöglicht: Wenn ich Hunger habe, besorge ich mir etwas zu essen; um mich warm und sicher zu fühlen, beschaffe ich mir eine Behausung. Je nachdem, wie viel ich verdiene, kann ich mir zusätzlich den einen oder anderen Luxus leisten, der das Leben des wilden Tieres an Annehmlichkeit übertrifft. Vielleicht kann ich mir sogar den Luxus leisten, Kinder zur Welt zu bringen; oder ich bin mir meiner Brauchbarkeit auf dem Arbeitsmarkt zumindest so sicher, dass ich glaube, mir dies alles und vielleicht zusätzlich noch etwas leisten zu können, das es mir später ermöglicht, nicht mehr arbeiten zu müssen, und mir damit das Gefühl gibt, einfach da sein zu dürfen, ohne dass mich dies etwas kostet. In Wirklichkeit hätte ich den Preis dafür natürlich in der Vergangenheit bereits bezahlt. Die Illusion eines kosten- und somit auch von Existenzängsten freien Daseins aber könnte perfekt sein.

So wundert es nicht, dass der Anreiz, sich im Hier und Jetzt für eine vermeintliche zukünftige Freiheit zu verschulden, groß ist. Nicht anders taten die zahllosen amerikanischen Hausbesitzer, die aufgrund ihrer Schuldenlast nun zum Teil obdachlos geworden sind und in ihren Autos oder zusammengepfercht in Turnhallen nächtigen müssen. Dabei hatten sie nicht mehr unternommen als den Versuch, der Hölle zu entkommen, in die sie als Menschen hineingeboren wurden, wollten mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln für sich und ihre Angehörigen den Raum erwerben, den ihnen das Gemeinwesen und sie sich im Grunde auch selbst nicht zugestehen.

Doch wie sollten sie es auch, da ein Ausstieg aus dem System dem Einzelnen unmöglich ist? Wo denn sollte er sein kleines Subsistenz-Paradies gründen? In der Wüste Gobi oder in der Antarktis? Jedes Kind weiß, dass man sich nicht dabei erwischen lassen darf, wie man auf fremdem Boden die eigene kleine Republik gründet.

Jean Jacques Rousseau stellte bereits im 18. Jahrhundert fest, dass die Zahl der Zäune, die den Besitz eines anderen markieren, eines jeden Freiheit fundamental einschränkt. Zu Beginn des zweiten Teils seiner »Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen« schrieb Rousseau die Sätze, die den Sündenfall unserer modernen Zivilisation ebenso markant wie anschaulich beschreiben: »Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und dreist sagte: ›Das ist mein‹ und so einfältige Leute fand, die das glaubten, wurde zum wahren Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, Leiden und Schrecken würde einer dem Menschengeschlecht erspart haben, hätte er die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinesgleichen zugerufen: ›Hört ja nicht auf diesen Betrüger. Ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte allen gehören und die Erde keinem!‹ Aber mit großer Wahrscheinlichkeit waren die Dinge zu dem Punkt gelangt, wo es nicht mehr so weitergehen konnte wie bisher. Denn dieser Begriff des Eigentums hängt von so vielen vorausgehenden Begriffen ab, die nur nach und nach entstehen konnten, dass er sich nicht auf einmal im menschlichen Geist bildete.«

Zu Recht erkannte Rousseau die Arbeit als das, was den Menschen letztlich zum Besitzer eines Stückes Land oder eines Hauses macht, das darauf steht. Der Fleißigste, erklärt Rousseau die allmähliche Entstehung des Eigentums, habe das Land bestellt und aufgrund seiner Arbeitsleistung Besitzanspruch darauf erhoben. Diese Feststellung wirft ein klares Licht auf das Joch, unter dem alle Angehörigen der damals ansatzweise schon bestehenden und noch heute existierenden bürgerlichen Gesellschaft leben: Der Bürger hat nur ein Recht auf autonomes Dasein, solange er sich dieses entsprechend verdient. Sein gesellschaftliches Ansehen steigt mit der Höhe seines Einkommens. Er gilt als der einzige, der wirklich frei ist. Dabei ist er gar nicht wirklich frei. Denn an sich, das heißt ohne dieses Einkommen beziehungsweise den Besitz, den er sich damit anzueignen vermag, ist er nichts. Wie ein Sklave seiner selbst versucht er, sich von seiner Schuld, da zu sein, freizukaufen. Wahre Freiheit aber besteht von Geburt an und unabhängig von allen Besitzverhältnissen.

Über diese Freiheit verfügt auch der wohlhabende Bürger nicht, den Rousseau in Gestalt des Grundbesitzers mitverantwortlich machte für die sozialen Probleme in der bürgerlichen Gesellschaft. Der Sozialstaat mildert diese heute merklich, doch die Ursache, aus der die sozialen Verwerfungen resultieren, die sich derzeit besonders auf globaler Ebene bemerkbar machen, ist bis heute nicht beseitigt.

Rousseau war einer der ersten, die das Resultat der mangelnden Autonomie des bürgerlichen Menschen zur Ursache erklärten, indem er unterstellte, der Zivilisationsprozess habe den im Naturzustand noch unverdorbenen Menschen charakterlich verdorben. Die gesamte Bandbreite schäbigen Verhaltens, die da lautet: »Konkurrenz und Rivalität von der einen Seite, von der anderen Gegensatz der Interessen und immer der versteckte Wunsch, seinen Gewinn auf Kosten des anderen zu erlangen«, führte Rousseau auf die Festschreibung der Verschiedenheit der Menschen durch die Einrichtung menschlichen Eigentums zurück: »Alle diese Übel sind die erste Wirkung des Eigentums und das unzertrennliche Begleitgefolge der entstehenden Ungleichheit.«

Auf der Basis dieser Kurzsichtigkeit versuchte der Sozialismus das Grundproblem zu lösen, indem er das Privateigentum der Gemeinschaft übergab. Doch das Schuldproblem, das wir hier für ursächlich für alle gesellschaftlichen und sozialen Probleme betrachten, hat der Sozialismus nicht gelöst. Im Gegenteil: Indem er die Arbeit zur alleinseligmachenden Freiheit des Menschen erklärte, trieb er das Prinzip der Selbstversklavung auf die Spitze. Im Sozialismus verspricht nicht einmal mehr das Privateigentum temporäre Erlösung von der Schuld, da zu sein. Da der Sozialismus dieses Problem nicht löste, vermochte er auch das Verhalten der Menschen nicht zu ändern, jene von Rousseau zu Recht konstatierte Neigung, auf Kosten anderer Gewinne zu erwirtschaften. Sie tritt in der derzeitigen Finanzkrise ebenso zu Tage, wie sie sich in der Entstehung der oligarchisch strukturierten sozialistischen Parteieliten zeigte, die mit gierigen Händen nach dem Volkseigentum griffen.

Rousseau selbst aber war, wiewohl später von sozialistischen Theoretikern heillos vereinnahmt, mitnichten Sozialist. Um seinen Ansatz zur Klärung der Ursache der menschlichen Zerwürfnisse zu rechtfertigen, bezog er sich auf John Locke, einen der als solcher weitaus anerkannteren geistigen Väter unserer modernen Demokratie. Rousseau zitierte: »Denn gemäß dem Grundsatz des weisen Locke ›kann es kein Unrecht geben, wo es kein Eigentum gibt.‹«

Diese Bemerkung stellt jedoch weder zwingend ein Plädoyer für die Abschaffung des Eigentums dar noch erklärt sie das Eigentum zu etwas grundsätzlich Ungerechtem. Im Gegenteil: Denn wenn es ›kein Unrecht gibt, wo es kein Eigentum gibt‹, dann gibt es dort auch kein Recht, das zu haben und zu sprechen ebenso in der Natur des Menschen liegt wie seine Neigung, unter Druck gewalttätig zu handeln, die er mit allen höheren Wirbeltieren teilt.

Das Eigentum, das sich über Generationen menschlichen Miteinanders hinweg gebildet hat und dessentwegen Privatpersonen und Staaten noch heute erbitterte Konflikte austragen, ist ein manifester Ausdruck des grundsätzlichen menschlichen Bedürfnisses nach persönlicher Autonomie. Insofern hat die Entstehung des Privateigentums also ihre Berechtigung. Doch handelt es sich bei seiner speziellen Kultivierung lediglich um die bisherige und, wie sich zeigt, recht unzureichende Lösung des Problems der Verwirklichung dieser Autonomie. Es gibt die dem menschlichen Wesen weitaus entsprechendere Lösung des sogenannten bedingungslosen Grundeinkommens, die bislang allerdings noch in keinem Land der Erde konsequent politisch und wirtschaftlich umgesetzt wurde.

Wenn jeder Mensch vom ersten Atemzug an sein Auskommen hätte, das ihm unabhängig von seinem Alter und seiner Lebenssituation die Deckung seiner Grundbedürfnisse gewährleistete, dann würde sich sein Bedürfnis, Sicherheit etwa in Gestalt von Hauseigentum zu erlangen, erheblich verringern. Der Mensch dürfte zu Recht das Gefühl haben, sein eigener Herr zu sein und in niemandes Schuld zu stehen, weder in der seiner Eltern noch in der seiner Kinder, noch in der der Gesellschaft. Er wäre einfach, und das Geld, das ihm dabei zur Verfügung stünde, würde ihm den Raum zur Führung eines autonomen Lebens verschaffen. Um ihn herum könnten so viele Häuser stehen, die ihm nicht gehören, wie nur denkbar, es könnte ihm gleichgültig sein, denn er würde kraft des ihm zur Verfügung stehenden Geldes jederzeit in einem davon Unterschlupf finden und müsste nicht neidisch durch den Zaun in Oma Sissenichs Garten schielen, aus dem sich das Gemüse für ein ganzes Jahr bestreiten ließe.

Würde der so abgesicherte und grundversorgte Bürger dennoch gerne ein Häuschen besitzen oder sich einen anderen Luxus leisten, müsste er Arbeit aufnehmen und könnte wie bisher wählen, ob er lieber etwas tut, das ihm weniger Vergnügen bereitet, aber ein schnelles und hohes Einkommen garantiert, oder etwas, das ihn persönlich interessiert und das es ihm relativ unabhängig vom Einkommen daher schon wert ist, getan zu werden.

Bevorzugte er die erste Variante, könnte er sich zum Beispiel als Fließbandarbeiter oder Toilettenreiniger verdingen. Denn da diese wenig beliebten, aber eine Zeit lang wohl noch erforderlichen Arbeiten niemand mehr tun müsste, würde sich kaum noch jemand finden, der sie freiwillig täte, es sei denn, man bezahlte ihm ein überdurchschnittlich hohes Gehalt dafür. Die unbeliebten Arbeiten würden damit endlich als das gelten, was sie eigentlich heute bereits sind: ein unerhörter Luxus für die Nutznießer, der den dazu benutzten Menschen wertvolle, weil weitaus sinnvoller zu gestaltende Lebenszeit raubt.

Das wüsste am besten der unter den grundversorgten Bürgern, der eher zur zweiten Variante der Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten neigen und zum Beispiel eine Laufbahn als Schriftsteller oder Philosoph anstreben würde, der sein Glück etwa mit dem Beantworten preisgekrönter Akademiefragen versucht, in der Hoffnung, den ideell gesehen weit über dem Preisgeld liegenden Wert seiner Arbeit eines Tages durch Renommee versilbern zu können.

Wahrscheinlich aber würden es die meisten grundversorgten Bürger, wie sie es heute bereits tun, vorziehen, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden und sich zum Beispiel als Erfinder der vielen neuen Maschinen betätigen, die nötig wären, um die kaum noch bezahlbaren Fließbandarbeiter und Toilettenreiniger zu ersetzen. Dabei müsste keiner von diesen eine wegen Rationalisierung etwa ins Haus stehende Arbeitslosigkeit fürchten, wie auch der Erfinder seine Arbeit mit gänzlich reinem Gewissen tun könnte, da er sie erstmals nicht auf Kosten von Menschen täte, die wegen ihm ihren Arbeitsplatz und damit gleichsam ihre Existenzberechtigung verlieren könnten.

Würde unser grundversorgter Bürger schließlich unter all diesenUmständen das begehrteHäuschen eines Tages sein Eigen nennen wollen,müsste er dafür allerdingsetwas härter arbeiten. Denn Eigentum verpflichtet – sowohl den, der darüber verfügt, als auch den, der es zu erwerben wünscht. Würde unser Bürger das damitverbundene persönliche Risiko dennochauf sich nehmenwollen, so müsste er auch die entsprechende Leistung dafür erbrin­gen. Mit staatlicher Unterstützung könnteer dabei nicht mehr rechnen da die­se wie alle anderen Subventionen – seien sie für Privatpersonen oder Wirt­schaftsunternehmen – abgeschafft wordenwären. Das damit zur Verfü­gung stehende Geld würde mitsamt den verfügbaren Steuereinnahmen und dem größten Teil der Sozialbudgets in die freie persönliche Entwicklung der Bür­ger des Gemeinwesens investiert werden und nicht in Dinge, deren Wert so schwankend ist wie etwa der eines Hauses.

Der Richtwert unseres ökonomischen Handelns sollte der Mensch sein und nicht die Dinge, die er aus gänzlich individuellen Gründen begehrt. Im Raum hinter den Dingen stoßen wir immer auf den Menschen, dem die Dinge Spiegel seiner mehr und weniger elementaren Bedürfnisse sind. Die Dinge erscheinen auf den ersten Blick feststehend, unwandelbar, opak. Nur denkend lässt sich die dahinter stehende, in steter Wandlung begriffene Idee erfassen.

Wir sollten dem Denken, das der Wahrnehmung natürlicherweise übergeordnet ist, also den Raum geben, den es zwar längst einnimmt, den wir jedoch noch immer viel zu selten betreten.

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